Der Aspekt unkonventioneller, gruppendynamischer Prozesse war also bereits kultiviert, als das zu Anfang noch namenlose Team antrat, um sich als angehende Architekten mit Bewusstseinsphänomenen der Mobilität im urbanen Gesellschaftsraum auseinanderzusetzen. Die selbst gewählte Aufgabe lag weitab vom inhaltlichen Mainstream der Projektthemen in jenem Jahr 1969 an der Lehrkanzel für Gebäudelehre und Entwerfen 2, Professor Karl Schwanzer. Die fünfköpfige Gruppe, die anfangs durch Marcella Ertl ergänzt wurde, hatte sich also Unkonventionelles vorgenommen. Wie sich im Verlauf der Projektarbeit herausstellen sollte, wollte sie dem architektonischen Establishment einen Denkzettel verpassen. Hierzu musste das Trojanische Pferd aus provokantem Gedankengut erst in die Strukturen des Studiengangs Architektur eingeschleust werden. Natürlich kam für ein solches Ansinnen als Austragungsort vor allem Karl Schwanzers Lehrstuhl in Frage. Hier hatte sich Günther Feuerstein als Betreuer und Ratgeber der Studierenden bei außergewöhnlichen Themen bewährt. Im Hinblick auf größtmögliche Freiheit bei der Entwicklung ihrer konzeptionellen Absichten wählten sie sich jedoch einen jungen Assistenten zum Betreuer, der das Metier eines Instruktors erst gruppendynamischen Prozessen und ihrer Wirkung in der Öffentlichkeit hatte. Dieser junge Mann war ich selbst, der das Projekt mit viel Ambition zu begleiten gedachte. Die Voraussetzungen für die Entwicklung des »Great Vienna Auto-Expander« waren zumindest aus Sicht der Projektanten insofern optimal, und die Dinge begannen ihren Lauf zu nehmen. Projektbesprechungen standen meist im Zeichen von in orgiastischem Stakkato vorgetragenen Ideenfragmenten. Ob es sich um die Erläuterung einer rot-gelben Zeichnung eines Katapult-Automobiles handelte oder um die Konzeption von zwei in Röhren geführten Hochgeschwindigkeitsstraßen, die vom Karlsplatz kommend in Traufenhöhe durch die Kärtnerstraße schossen – jeder Ansatz war ein gedanklicher Ritt auf der Klinge. Provozierend die verbale Selbstverständlichkeit, mit der diese dem Absurden verwandten Projektvorschläge vorgetragen wurden. Überzeugend die grafische Ausarbeitung der Entwürfe in Form von Fotomontagen und Comic-Strips nahen Darstellungstechniken. Durch satanisches Lachen aus dem Hintergrund und kurze Sequenzen von Motorgeräuschen, eingespielt über die Lautsprecher eines Tonbandes, gerieten solche Korrekturen zur konzertierten Aktion, zum impulsiv-intuitiven Ad-hoc-Ereignis aus Zufall und Strategie. Ohne Frage, die Projektanten waren rasch zu einer aufeinander abgestimmten Truppe geworden, die vom selbst gewählten Thema besessen zu sein schienen. So ergab sich die Forderung, diesem Konstrukt einen Namen zu geben, von selbst. Es muss wohl in einem jener traumhaften Augenblicke schöpferischer Dynamik gewesen sein, in dem das Kind sich selbst taufte ... »ZÜND-UP«. Phonetisch identisch mit einer damals noch sehr bekannten Motorradmarke und insofern harmlos und schick. Die geschriebene Version jedoch, als eine Kombination von deutschen und englischen Wortsilben, ließ keinen Zweifel über die Ambition der selbst ernannten Pyromanen. Und Johann Strauß beobachtete von seinem Denkmal im Stadtpark aus die energiegeladenen Aktivitäten dieses Teams, um sich unversehens in Papierform collagiert und Geige schwingend in rasendem Stillstand in einem Formel-1-Boliden wiederzufinden. Auch der Stephansdom blieb nicht unbehandelt. »Schafft euch eure Individualstelle …« und prompt wird der ehrwürdige gotische Turm durch einen vertikal in die Luft ragenden Rennwagen ersetzt. Fürwahr, ZÜND-UPs Füllhorn sprudelte in jenem Sommersemester. Als sich das Studienjahr langsam dem Ende zuneigte, entwickelte sich auch der »Great Vienna Auto-Expander« zielstrebig zum präsentationsreifen Produkt. Es kam der Moment, da die Arbeit des Semesters öffentlich vorgestellt werden sollte. Für ZÜND-UP bedeutete die Präsentation des Projektes auch die stimmungsvolle Inszenierung der Arbeitsergebnisse an einem exotischen Ort, an einem freizeitbestimmten Sommernachmittag. |
Tage vor dem Ereignis prangten von den Wänden der Architekturfakultät große graue Papierquadrate mit dem Schriftzug »Whazzat«, was möglicherweise die lautmalende Variante der englischen Wortfolge »what’s that« darstellen sollte. Darunter ein großzügig hingeworfener grau-brauner Pinselstrich, der das ansonsten weitgehend leere Blatt diagonal von links unten nach rechts oben durchmaß. Am unteren Rand schließlich die wesentlichen Informationen: Samstag Nachmittag, Tiefgarage Am Hof, ZÜND-UP, AUTO usw. Es war auch der Tag, an dem die Arbeit dem üblichen Projektritual entsprechend mit Karl Schwanzer abschließend zu diskutieren war. In der Tiefgarage war die Präsentation sorgfältig vorbereitet. Modelle standen wie geparkte Motorräder herum. An Wänden und Säulen die Arbeiten auf Papier, wobei die visuell-illustrativen Elemente ein leichtes Übergewicht gegenüber den sachlichen Plänen hatten. Als ein die Atmosphäre verdichtendes Element waren die Mitglieder eines Motorradclubs mit ihren Harley-Davidsons und Nortons eingeladen worden und hatten sich zwischen die Exponate gemischt. So wurde der konzeptionelle Ansatz einer gesellschaftskritischen Auseinandersetzung mit Motorfetischismus im urbanen Gesellschaftsraum der Stadt Wien hautnah erfahrbar. Als ich dann mit Karl Schwanzer die Zufahrtsrampe zur unterirdischen Garage Am Hof hinunterging, ertönte sozusagen als Ouvertüre besagtes »Röhren des Jahrhunderts« akustisch simuliert aus einer großen Zahl von Auspufftöpfen lautstarker und PS-gewaltiger Viertaktmotoren, die beim Erscheinen des Impresarios gestartet wurden. Mir war etwas mulmig ob des bevorstehenden Aufeinanderprallens unterschiedlicher Geisteshaltungen aus unterschiedlichen Generationen. Aber was begonnen worden war, musste zu Ende geführt werden. Nach dem akustischen Inferno kehrte Ruhe ein. Leises Knistern lag über der Situation, ein wenig entschärft durch die Anwesenheit der Motorradsportler in ihren schwarzen Lederjacken, die nicht zu realisieren schienen, worum es ging. Die Projektanten in ihren weißen T-Shirts mit dem Aufdruck einer dynamischen Rennwagenkonstruktion begannen, ihr Projekt zu erläutern. Schwanzer hörte, diskutierte und schien nicht abgeneigt. Eine Einladung zum Ritt auf dem Rücksitz eines PS-gewaltigen Zweirades nahm er mit verschmitztem Lächeln an und verschwand für einige Minuten unter Motordonner aus dem Gesichtskreis der Anwesenden in den Straßenverkehr. Die Rückkehr von diesem Exkurs war auch das Ende der Präsentation. Ich begleitete ihn noch zu seinem Büro in die Seilergasse 16. Auf dem Weg dorthin machte er nach einer längeren Gesprächspause eine Andeutung, bei der mir bewusst wurde, dass er ZÜND-UPs Trojanisches Pferd für sich selbst enttarnt hatte und nicht gewillt war, die Teamarbeit in der präsentierten Form ohne weiteres anzuerkennen. Natürlich versuchte ich, ihn von dieser Position abzubringen. Dazu blieb allerdings nicht viel Zeit, denn ich beendete meine Tätigkeit als Assistent am Institut für Gebäudelehre und Entwerfen 2, um den Wiener Kulturkreis in Richtung Rheinland Ende September 1969 zu verlassen. Wie mir berichtet wurde, hat es geraume Zeit erfordert, bis »Karl der Große«, wie Schwanzer bei studentischen Insidern auch genannt wurde, ZÜND-UPs »The Great Vienna Auto-Expander« als Entwurfsprogramm an seinem Institut akzeptierte. Was aber wurde aus dem sagenhaften »Röhren des Jahrhunderts«? Aus ZÜND-UPs Selbstverständnis erreichte es in der Inszenierung in der Garage Am Hof seinen Höhepunkt. Heute nach nahezu dreißig Jahren zeigen sich die seinerzeit erarbeiteten Ansätze in alter Frische. Die Bildkonstrukte von damals im Blick, bleibt der Raum still, aber im Kopf da röhrt es wieder … |