1967

Das Zock-Fest
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Höhepunkt – Das ZOCK-Fest im Grünen Tor:
Ich war Organisator für den Veranstalter Austria Wien. Othmar Bauer, Timo Huber, Michael Pühringer, Hermann Simböck und Herbert Stumpfl aus dem Freundeskreis waren mitwirkende Aktionisten von Otto Mühl, die so genannten Mühl-Hunde. Circa 500 Personen kamen: Anhänger der Aktionisten, Verbindungsmitglieder samt Anhang und andere Besucher – das ZOCK-Fest war ja öffentlich durch die GEWISTA plakatiert worden (der Plakatentwurf stammte von Walter Pichler). Die Aktionisten agierten zum größten Teil unter Pseudonymen: Otto Mühl als OMO SUPER (Günter Brus, der sich distanziert hatte, kam nicht), Ossi Wiener als GARTH mit extra Fleischkraft, Attersee als ATTERSEE, Wolfgang Bauer als BAUER WOLFGANG, Otto Kobalek als KOBALEK, Hermann Nitsch als JOHANNES 007, Gerhard Rühm als GUSTAV WERWOLF, CONTERGAN, Peter Weibel als FORD MUSTANG 70, Reinhard Priesnitz als MR. MESSAGE, Dominik Steiger als FNUFI, SPERMINT.
ZOCK hatte eine kräftige Sprache: Die Avantgardisten der Wiener Szene samt Freunden aus Berlin und Graz (Gerhard Rühm und Wolfgang Bauer) boten ihre aktionistischen Nummern der Reihe nach dar und verlasen ihre Manifeste. GUSTAV WERWOLF (Gerhard Rühm) eröffnete den Abend. Kobalek verlas die Gerichtserkenntnis gegen Nitsch und Dworak.
GARTH (Ossi Wiener) mit verchromtem US-Stahlhelm verlas sein pointiertes Manifest und schleuderte nach einem Regiekonzept gezielt Tirolerknödel ins Publikum. »wer zurückwarf, bekam einen semmelknödel mitten ins gesicht.« »…/zock hebt den hammer und zerdrischt die futterkrippe der wissenschaft/zock hebt die motorsäge und zerschneidet den baum der erkenntnis.« MR. MESSAGE (Reinhard Priesnitz) verlas mit weinerlicher Stimme seine »hymne an den zock«: »… war das schlimmste nicht mehr zu befürchten, es lag schon da.« Attersee entfaltete seine wunderschöne pneumatische Blumenkugel. OMO SUPER (Otto Mühl) zeigte »wir sind alle epileptisch«, er zertrümmerte in klassischer Happening-Manier mit seinen Aktionisten eine Kücheneinrichtung auf der Bühne, Bettfedern flogen, Luftballone wurden gerieben, ein richtiges Chaos entstand.
Kurt Kalb versuchte meine Freunde, die »Mühl-Hunde«, anzupinkeln und die Saaleinrichtung zu zertrümmern, er wurde von mir durch einen gezielten Faustschlag ruhig gestellt und schlief für den Rest des Abends im Schoß seiner weiblichen Begleiterin. Der Saal glich inzwischen einem Schlachtfeld, tumultartiges Chaos brach aus. JOHANNES 007 (Hermann Nitsch) wurde nervös, sah seine Show gestohlen und seilte blitzartig einen Lammkadaver vom Balkon aus an einem Klobenrad in den Saal ab. Ein Student leerte einen von Nitsch bereitgestellten Kübel mit roter Farbe über die Aktionisten und den Lammkadaver, der Boden war übersät mit roter Farbe. Eine Polizeistaffel mit Stahlhelmen und Schäferhunden erschien, stürmte den Saal und beendete den Tumult auf der Bühne und im Saal. Ein Polizist fragte, ob die rote Farbe am Fußboden Blut sei. Das Publikum wurde auf die Straße gedrängt, wo noch weitere Aktionen stattfanden und die Veranstaltung sich langsam auflöste.
Mühl hielt es später sogar für wahrscheinlich, dass Oswald Wiener selbst die Polizei verständigt hatte. In der ersten Phase des Kontakts mit den Wiener Aktionisten waren die späteren ZÜND-UP-Mitglieder fasziniert von Materialaktionen und Happenings und beteiligten sich an einigen Projekten Otto Mühls, die von Kurt Krenn dokumentiert wurden. Im feuchten, kalten »Perinet-Keller« wurden Materialaktionen durchgeführt (»Wehrertüchtigung«), ein Happening fand im Gewerkschaftssaal des Porrhauses statt. Gemeinsam mit Anesthis Logothetis und Mühl wurde ein kammermusikalisches Lautkonzert erarbeitet und in der Galerie St. Stephan aufgeführt. Die Aktion Hermann Nitschs zum ZOCK-Fest wurde für ihn und mit ihm vorbereitet. Nach dem Miterleben der autoritären Entwicklung in der Kommune Praterstraße distanzierten wir uns von Otto Mühl und gründeten in der Folge die Architekturgruppe ZÜND-UP. Alle Mitglieder lebten damals in unterschiedlichen alternativen Wohnformen – Wohngemeinschaften. [ BM ]